Legasthenie

Das Phänomen der Legasthenie

Laut Veröffentlichungen der International Dyslexia Association, der größten Vereinigung der Welt in Sachen Legasthenie, weiß man, dass zirka 15% der Weltbevölkerung von dem Phänomen Legasthenie betroffen sind. (Vgl. KOPP-DULLER 2000, 12)

Das Legastheniephänomen fällt in den medizinischen, psychologischen und pädagogischen Bereich.

Der medizinische Bereich befasst sich mit der Hirnforschung. Hirnforscher können legasthene Gehirne durch Computertomografie (CT) und Magnetresonanz (MR) von nicht legasthenen Gehirnen unterscheiden. Es wurde eine relativ neue Technik erforscht und angewandt. Sie heißt "funktional magnetic resonance imaging" (FMRI) und ermöglicht, Gehirnfunktionen genau zu beobachten. Dabei kann verfolgt werden, wie der Mensch denkt. Nicht legasthene Menschen erhöhen ihre Gerhirnaktivität in Übereinstimmung mit der Schwierigkeit des geschriebenen Textes. Bei legasthenen Menschen ist keine Steigerung der Gehirnaktivität zu erkennen. Die Hirnaktivitätsmuster sind ein Detailbeweis für die funktionalen Störungen im neuronalen System, dies hat aber nichts mit der individuellen Intelligenz des jeweiligen Menschen zu tun.

Erfolgreiches Lernen hängt davon ab, dass Billionen von Hirnzellen bei wechselnd zugeschalteten Zellverbänden und einwandfreiem Transmitterstoffwechsel fehlerfrei funktionieren. Bei Legasthenikern verhindern gewisse Beeinträchtigungen der Sprachregionen, offenbar überwiegend in der linken Gehirnhälfte, das normale Erlernen der Schriftsprache. (Vgl. LANDERL 1998, 1-5)

Auch Astrid KOPP-DULLER verweist auf Unterschiede bei Gehirnaktivitäten zwischen Legasthenikern und Nicht-Legasthenikern. Der legasthene Mensch sieht nach Hören des Wortes "Baum" zuerst das Bild eines Baumes, während der nicht legasthene Mensch zuerst die Buchstabenfolge des Wortes und dann erst den Baum sieht. Der Vorgang, durch den das bildhafte Gedächtnis in den Hintergrund gedrängt wird mit ca. 7 Jahren, wenn man ersten Kontakt mit Buchstaben hat, vollzieht sich beim legasthenen Menschen nicht. (KOPP-DULLER 1997, 43f)

Die Untersuchungsergebnisse von A. M. GALABURDA bestätigen, dass zumindest die familiäre, diskrepante Legasthenie biologische Ursachen hat. In der Mitte der Schwangerschaft kann eine Bereitschaft für Mangeldurchblutung des Gehirns bestehen, welche zu nachweisbaren Fehlentwicklungen führt, da sich das Gehirn gerade in diesem Stadium sehr rasch entwickelt. In Verbindung mit den erwähnten Entwicklungsbeeinträchtigungen weisen legasthene Menschen eine Reihe unterschiedlicher Handicaps in den zentralen Verarbeitungskanälen für das Sehen, Hören wie auch in anderen Wahrnehmungsbereichen auf.

Befunde aus anatomischen wie aus bildgebenden Verfahren bzw. mit spezifischen Aufgabenstellungen für legasthene und nicht legasthene Menschen stehen in guter Übereinstimmung mit obigen Behauptungen. (vgl. GALABURDA/MENARD/ ROSEN 1994, 8010 ff) Man nimmt eine Behinderung im Sinne von Teilleistungsschwächen der Wahrnehmungs-verarbeitung ohne Beeinträchtigung der intellektuellen Fähigkeiten als naheliegend an. Minimale Abweichungen von der normalen Hirnentwicklung bewirken keine Beeinträchtigung der gesamten intellektuellen Leistungsfähigkeit, sondern rufen lediglich Probleme in Teilbereichen der Wahrnehmung und der Motorik hervor. Zur Zeit bestimmt die kombinierte Betrachtungsweise medizinisch-neurophysiologischer, neuropsychologischer und psychologisch-pädagogischer Konzepte um die Ursache von Teilleistungsschwächen.

Pädagogen und Psychologen gehen von einem prozesshaften Verlauf aus. "Die Prozessanalyse stellt Fähigkeitsdefizite direkt beim Schreib-Leseprozess fest, wie z.B. Schwierigkeiten bei der Erfassung der Phonem-Graphem-Beziehung, beim lautgetreuen Schreiben, bei der Anwendung der Rechtschreibregeln. Die Übungsprogramme berücksichtigen individuelle Probleme. Der bewusste Einsatz von Lernspielen und direktes literales Training haben den Aufbau eines gesicherten Grundwortschatzes zum Ziel." (RIEZINGER 1997, 54f)

In der Schule wird oft im Unterrichtsstoff fortgefahren, obwohl manche Kinder die bereits vermittelten Lerninhalte noch nicht gefestigt bzw. verarbeitet haben. Sie sind für den nächsten Schritt noch nicht bereit. Mathilde ZEMAN stellte 1986 dem prozessorientierten Ansatz den funktionellen Ansatz gegenüber. Man geht bei beiden Modellen davon aus, dass ein Nachlernen in hierarchisch angeordneten Lernschritten erfolgen muss. Während auf der Prozessebene das Lese/Rechtschreib-Training im literalen Raum abläuft, meinen Anhänger des Funktionsmodells, dass die Übung am Wort sich auf reine Symptombehandlung beschränkt. Funktionstraining erfolgt daher im präliteralen Raum auf der Basis der Funktionsebene. (vgl. KLICPERA/GASTEIGER-KLICPERA/SEDLAK et. al. 1993, 14 f)

Die Soziologie versucht die Zusammenhänge zwischen gesellschaftlichen Strukturen sozialer Schichten und der Legasthenie zu beleuchten. Zwei Drittel der Legastheniker kommen, trotz durchschnittlicher Intelligenz, aus der Unterschicht. WURST meint, dass ein genereller Zusammenhang zwischen Sprachentwicklung und Milieu existiert. Nicht nur schlechte Schreibleistungen, sondern auch Artikulationsfehler, aufgrund von Dialekt, sind in der Unterschicht signifikant höher als in höhergestellten Schichten.

- Ungünstige Voraussetzungen für Sprachbeginn und Sprachentwicklung sind:
- ungünstige Wohnverhältnisse
- ungünstige wirtschaftliche Verhältnisse
- geringe Schulbildung und fehlende Berufsausbildung der Eltern
- Familienzusammensetzung: Eltern getrennt oder geschieden/hohe     Geschwisteranzahl
- Berufsfähigkeit der Mutter
- ungünstiges Erzieherverhalten
- Fernsehverhalten der Familie (mehr als 3 Stunden am Tag)
(vgl. WURST 1987, 61-65)

Nach GASTEIGER-KLICPERA wächst etwa die Hälfte der lese-rechtschreibschwachen Schüler, in Familien auf, in denen mehrere der oben belastenden Faktoren zusammentreffen. Von großer Bedeutung dürfte auch sein, wie Eltern auf Misserfolge ihrer Kinder reagieren oder sich dafür verantwortlich fühlen. Das Gesprächverhalten der Eltern ist ebenfalls von großer Bedeutung. Es konnte gezeigt werden, dass sich Eltern lese-rechtschreibschwacher Kinder weniger Zeit nehmen, auf Gesprächsinitiativen ihrer Kinder einzugehen.

Eltern von lese-rechtschreibschwachen Kindern lesen und schreiben zumeist zu Hause selbst nicht viel, d.h. die Vorbildwirkung der Eltern ist von großer Bedeutung. (Vgl. KLICPERA/GASTEIGER-KLICPERA 1993, 220-224) Aus pädagogischer Sicht wird festgestellt, ob ein Kind schulfähig und schulbereit ist. Hat das Kind die Lernmöglichkeiten seiner Vorschulzeit ausgeschöpft und ist es in seiner geistigen Auseinandersetzung mit der Welt an einem Punkt angelangt, an dem es nach neuen Ordnungsprinzipien verlangt, dann ist ein Kriterium der Schulbereitschaft erfüllt. Da es nicht "den" legasthenen Menschen gibt, muss der Pädagoge individuell auf die Schwächen des Schülers eingehen können.

 Die Aufgabe des Pädagogen ist es auch das Lernen hilfreich zu bewerten, weil das bewertete Lernen die entscheidende Bedingung für den weiteren Verlauf der individuellen Schulkarriere ausmacht. Misserfolge in einem Lerngegenstand bedeutet nicht mehr, wie in der Vorschulzeit, etwas noch nicht verstanden zu haben, sondern in dem jeweiligen Lerngegenstand "versagt" zu haben. Ich habe nicht ein Mal von Lehrern den Satz gehört:"Dieser Schüler ist NICHT GENÜGEND." Das ist eine Abwertung der ganzen Person der Schülers. Die gute oder schlechte Note weist Schülern einen persönlichen Wert zu. Der Schüler hat das Gefühl, dass er versagt hat.

Die Aufgabe des Pädagogen ist also, darauf hinzuweisen, wie wertvoll Fehler sein können. Im erkannten Fehler besteht die Chance einer Neuorientierung. Schließlich gibt es keine hundertprozentigen Menschen. Es liegt in der Natur des Menschen Fehler zu machen. Wenn es nun gelingt, dass Menschen Fehler positiv bewerten und im Fehler die Chance sehen weiterzukommen, dann müsste es nicht mehr so viele Menschen mit geringem Selbstwert geben. Der persönliche Wert des Menschen wäre vor dem Fehler nicht anders als nach dem Fehler.

Da es nicht unbedingt zwingend ist, dass alle Menschen die gleichen Fehler zur selben Zeit machen, ist auch ein Vergleich zwischen Menschen nicht zielführend. Jeder Mensch hat seine besonderen Stärken und jeder Mensch ist einzigartig, wozu also vergleichen. Durch die Notengebung wird ununterbrochen in Schulen verglichen. Durch den Vergleich erkenne ich nicht die ganze Person an. Ich sehe nur Ausschnitte: "Die kann ja nicht einmal lesen!" Diese Aussage ist eine Abwertung. Man kann sich vorstellen, dass ein Kind, das ein paar Mal solche oder ähnliche Aussagen hört, irgendwann selbst glaubt, ein Versager zu sein, selbst nicht gut genug zu sein. Das passiert, wenn es lernt, sich über seine Leistungen zu definieren. Wenn es hier keine Unterstützung bekommt, behält es diese Einsicht bis ins Erwachsenenalter und jedes Weiterlernen scheitert.

Das Kind versucht, sich zu entziehen, Leistungen vorzutäuschen, sich Anerkennung zu erschleichen. Es macht seinen eigenen "Selbstwert" von der Anerkennung durch andere abhängig etc. Derartige negative psychische Folgeerscheinungen sind meist den Kindern selbst, den Eltern und Lehrern zu viel. Hier kommt die Psychologie zum Tragen. In psychotherapeutischen Lernprozessen können diese Probleme aufgefangen und bearbeitet werden.

Literatur:

- GALABURDA, A. M.; MENARD, M. T.;ROSEN, G. D., 1994: Evidence for aberrant auditory anatomy in developmental dyslexia. Proceeding of the National Academy of Sience, USA.
- KLICPERA, Christian; GASTEIGER-KLICPERA, Barbara, 1993: Lesen und Schreiben - Entwicklung und Schwierigkeiten; Huber, Bern.
- KLICPERA, Ch.; GASTEINER-KLICPERA, B., JAROLIM, F., JUNA, J., SEDLAK, F. (Hg.), 1993: Was macht Förderung effektiv? Kontroverse (?) Konzepte zur Legastheniebetreuung; Kletterl, Wien.
- KOPP-DULLER, Astrid, 1997: Der legasthene Mensch, 1. Auflage; KLL, Klagenfurt.
- KOPP-DULLER, A., 2000: Legasthenie-Training nach der AFS-Methode, KLL, Klagenfurt.
- LANDERL, Karin, 1998: Medizin weist Legasthenie nach. In: Kärnter Landesverband Legasthenie (Hg.): Austrian Legasthenie News, 1998, Heft 1.
- RIEZINGER, Beate, 1997: Möglichkeiten der Legasthenie-Prävention durch gezielte Fördermaßnahmen im Anfangsunterricht der 1. Klasse; Diplomarbeit, Universität Wien.
- WURST, Franz, 1987: Sprachentwicklungsstörungen und ihre Behandlung, 4. Auflage; ÖBV, Wien.